203

Steigerung des Bewusstseins im Nachdenken

 

Ein Verdacht schleicht sich ein: womöglich lebe ich unbewusst eine Abwehrhaltung aus. Eine solche Abwehrhaltung kann ich ins Bewusstsein heben. Dazu frage ich Freunde, Bekannte und Verwandte; ich besorge mir Informationen aus Büchern, Zeitschriften und dem Internet; ich beziehe Fachleute und womöglich einen Therapeuten ein. Ich übe mich im logischen Denken und analysiere meine Abwehrhaltung:

  • bei welchen Anlässen, bei welchen Auslösern beginne ich abzuwehren?
  • Passt meine Abwehr-Energie zum gegebenen Anlass? Wenn nein, woher sonst bezieht mein Abwehrverhalten seine Energie? 
  • Gegen wen oder was richtet sich meine Abwehrhaltung im Hier und Jetzt? Ist das in dieser Form angemessen und nötig? Oder geht es auch anders? 
  • Welche Folgen entstehen aus meiner Abwehrhaltung? Welche Schäden ergeben sich daraus? 
  • Welche Vorteile erlange ich aus meiner Abwehr? Wie kann ich die gleichen Vorteile mit weniger Aufwand bekommen?

Diese Analyseschritte verschaffen mir Klarheit darüber, wie meine Abwehr funktioniert. Hinweis: Dieser Text spricht von „Abwehren“. Es ist manchmal sinnvoll, diesen Begriff mit einem anderen, passenden Begriff zu ersetzen, z.B.

  • müde, träge, lustlos werden
  • krank werden
  • ungeduldig werden
  • Termine nicht einhalten
  • Kontakte vernachlässigen
  • auf den magischen Augenblick warten
  • Dinge aufschieben
  • in Ruhe gelassen werden wollen
  • verfrüht handeln und so absichtlich das Scheitern herbeiführen u.a.

Manchmal steckt auch ein Wunschdenken dahinter: ich möchte so weiterleben wie bisher, nur die Konsequenzen sollen sich ändern. Womöglich möchte ich meinen Wohlfühlbereich nicht verlassen: welche Beschränkungen habe ich mir selbst auferlegt? Was habe ich bisher vermieden? Wo lüge ich mir in die eigene Tasche?

Es gibt logisch erscheinende Verfahren, die ich einhalte, obwohl sie mich nicht weiterbringen. Die wichtigsten sind:

  • Ich habe Angst vor der Veränderung, d.h. meine Angst leitet mein Verhalten. Ich habe meinen Wunsch nach Freiheit, bleibe aber hier in diesen Verhältnissen. Ich verliere auch Vieles, wenn ich jetzt gehe. Ich spüre das Risiko bzw. meine eigene Unsicherheit und scheue zurück. Ich weiß nicht, ob ich in der Gruppe draußen akzeptiert werde  und möchte mich draußen nicht wieder neu anpassen müssen. Ich muss meine Verpflichtungen erfüllen. Mit diesem Verfahren verschließe ich mir selbst neue Chancen.
  • Ich fühle mich wohl, d.h. es gibt innerhalb meiner Grenzen keinen Druck, keine Repressalien, ich akzeptiere meine Grenzen, weil ich hier versorgt bin. Meine Erfahrung hat mich gelehrt: ausbrechen lohnt sich nicht. Ich bin mit dem zufrieden, was ich kenne. Meine Familie, mein Partner, meine Ehe hält mich hier. Mit diesem Verfahren bleibe ich unpassend lange in meiner Wohlfühlzone.
  • Ich verdiene Erfolg nicht, d.h. ich mache sinnvolle Teilschritte, entscheide mich aber systematisch für den Misserfolg. Ich vermeide einen bestimmten Leistungslevel. Mit diesem Verfahren kann ich meine Lebenswelt beibehalten.
  • Die andern sind schuld bzw. doof, d.h. ich bin für die Ergebnisse nicht verantwortlich. Mit diesem Verfahren kann ich vermeiden, dass ich die eigenen Wirkungen betrachte
  • Mikado, d.h. ich mache die leichten Schritte zuerst, die schwierigsten am Schluss. Ich muss jetzt nichts machen, ich kann zu einem späteren Zeitpunkt handeln und werde das Gleiche erreichen. Ich möchte oder muss nicht weiterlernen, mein fachliches Wissen reicht mir. Dieses Verfahren führt zu unnötigen Verzögerungen oder Verschleppungen, wenn die schwierigsten Schritte die einzig Erfolg versprechenden sind.
  • Alles geht, d.h. ich halte mir alle Optionen offen, ohne eine in der Wirklichkeit umzusetzen. Dieses Verfahren gaukelt mir vor, dass alles erreichbar bleibt

Woran erkenne ich, dass ich – auf die eine oder andere Weise – abwehre?

  • ich bekomme Angst, ich lasse mich von meiner Angst leiten. Ich zögere, ich werde langsam. Ich gehe nicht mit voller Energie und Entschiedenheit an die Sache. Etwas hindert mich und blockiert meine Energien. Ich ziehe mich zurück, ich laufe weg.
  • der Druck zur Veränderung passt mir nicht, ich bocke, ich mache mich unbeweglich und blockiere andere, LMAA. Lieber sterbe ich, als dass ich mich locken lasse. Ich werde zornig oder energisch. Ich ignoriere Neues, Anderes, Infos, ...
  • Ich erledige lieber angenehme als dringende oder wichtige Angelegenheiten. Ich mache mich abhängig von den Entscheidungen anderer. ich bringe Gründe und Argumente, warum ich zufrieden bin bzw. warum die Veränderung nicht funktionieren kann
  • ich akzeptiere die neue Lage/ Gruppe nicht, ich mache Dinge absichtlich falsch
  • ich kann nicht glauben, was ich sehe
  • ich bleibe bei meiner Bequemlichkeit

Alle diese Verfahren sind in sich logisch. Sie passen zu meinem Selbstbild, sie machen, dass ich Recht behalte und dass ich weiß, was kommen wird. Ich überwinde den Stillstand bzw. die Schädigung meiner Person erst dann, wenn ich ein Verfahren baue, von dem ich überzeugt bin, und wenn das neue Verfahren mich messbar meinem Ziel näher bringt.

Weiterführende Fragen und Schritte können sein:

  • Was hält mich davon ab, dass ich die anstehende Aufgabe löse? Wie löse ich diese Hinderungsgründe?
  • Wie baue ich meine Dokumentation der Schritte auf, die mich hier herausführen?
  • Ich suche eine Person meines Vertrauens, ich frage sie: Wie siehst du meine Situation?
  • Ich hole mir Hilfe von außen, ich überlege mir: wer kennt sich mit DIESEM Problem aus? Diese Person besuche ich.
  • Ich organisiere Angenehmes und ziehe es durch. Dadurch belohne ich mich dafür, dass ich schwierige Schritte angehe
  • Ich sehe meine innere Anspannung als etwas Positives. Adrenalin und Herzklopfen geben mir den Mut und die Kraft für den Aufbruch aus den jetzigen Verhältnissen
  • Ich taste mich vor, ich balanciere Vertrauen und Misstrauen je neu aus
  • Ich wage etwas, ich versuche etwas, ich überwinde mich
  • Wie verbringe ich meine Zeit? Welchen Spielraum habe ich? Ich erfasse einige Tage/ Wochen lang schriftlich jede Minute des Alltags und mache dadurch sichtbar, was wie läuft. Wie viel Spielraum nutze ich, wo kann ich neuen Spielraum gewinnen?
  • Ich kläre mein Rolle in der Familie/ im Beruf, setze und halte Regeln und weise Einmischung zurück (nicht: Energie verpulvern, indem ich einen Missstand oder einen Störfaktor laufen lasse)
  • Ich vereinbare mit Leuten etwas
  • Ich lasse mich teilweise überzeugen
  • Ich nutze Märchen, Philosophie, Sprichwörter, Anekdoten u.a. als Zugänge zum Unterbewussten
  • Lesetechniken helfen mir weiter, z.B. * Blitzlicht-Lesen; * konzentriert von Anfang bis Ende lesen; * antizipierendes Lesen; * Lesen mit Markierungen; * Lesen mit Diskutieren, welche Schwerpunkte setze ich, was fällt mir an deinen Schwerpunkten auf?
  • Ich nehme ein großes Stück Papier und zeichne in einer mind map das eigene Leben auf. Ich bringe Verbindungslinien zwischen den Bereichen der mind map an und mache so einige Dynamiken und Stillstände in meinem Leben sichtbar
  • Ich lerne etwas, ich mache gute Erfahrungen mit Methoden, die für mich neu sind. Ich lerne, wie ich zurechtkomme (Wo ist meine neue Grenze?)
  • Was bedeutet das für mich: ich bin verantwortlich für das Ergebnis?
  • Ich sichte meine Verhältnisse: Wie ist es zurzeit? Was davon passt nicht, was verschlechtert sich?
  • An welchen Stellen raube ich mir selbst den Schwung?

Beispiel: Eine Industriekauffrau hat die letzten zwölf Jahre ihre Kinder großgezogen und den Haushalt organisiert. Jetzt möchte sie beruflich wieder einsteigen. Einige Bestandteile des tatsächlich an den Tag gelegten Verhaltens (kochen, Haushalt organisieren, ...), das BISHER stimmig war, hilft UNTER DEN AKTUELLEN BEDINGUNGEN (Jobsuche, Kontakte zu Unternehmen aufnehmen, Kinder lösen sich aus der engen Bindung mit den Eltern) nicht mehr weiter. Steigerung des Bewusstseins führt zu Fragen wie: 

  • Was mache ich hier eigentlich?
  • Hilft mir das weiter? 
  • Was brauche ich jetzt in Wirklichkeit? 
  • Was brauchen die (sich verändernden) anderen von mir? 
  • Was kann ich ab jetzt weglassen, ohne dass sich jemand beschwert? 
  • Wo habe ich Nachholbedarf, wo kann ich etwas lernen?

Eine Analyse des bisherigen und aktuellen Verhaltens fällt nicht leicht, immerhin hat die Mutter und ehemalige Industriekauffrau ja über Jahre routiniert und geübt und durchaus erfolgreich die Familie vorangebracht. Und das soll jetzt alles so nicht mehr gelten? Die Antwort ist ein doppeltes Ja: JA, es war alles wichtig und vorteilhaft und ein wertvoller Beitrag zum größeren Ganzen. Und JA, es ist (demnächst) Geschichte, es ist (demnächst) vorbei, jetzt kommen andere Dinge. Das BISHERIGE Verhalten kann die gewünschten Vorteile immer weniger entstehen lassen, im Gegenteil: die pubertierenden Kinder ertragen die Fürsorge gar nicht mehr. Im Verlauf DIESER inneren und äußeren Auseinandersetzung wird es zu einer Situation kommen, in der Mutti um Verständnis wirbt, Verantwortung abgibt und die Kinder auch mal nach draußen schickt, wenn Sie mit einem Geschäftsführer telefoniert. Die Fenster werden mal ein paar Wochen nicht geputzt werden, die (inzwischen größeren) Kinder kochen das (vorbereitete) Mittagessen selber und Mutti sitzt im MS-Office-Kurs.

Wenn meine Geschichte der Berufsrückkehrerin der linke Arm einer Parabel ist, welche Fragen und Stationen umfasst der rechte Arm dieser Parabel, auf dem IHRE Auseinandersetzung skizziert ist?

Was können Sie jetzt machen?

  • Sie können zu Zettel und Stift greifen und anhand dieses Textes Ihre Lage und Ihre Frage bearbeiten. Eine Anleitung dazu finden Sie hier.

  • Sie können Allaxi   per E-Mail eine Frage stellen.
  • Sie können Allaxi   anrufen.
  • Sie können, wenn Sie mit dieser Methode zu guten Ergebnissen gelangten, die Methode 204 als nächstes einsetzen.